Protokoll 026

Protokoll 026: Unbeliebt ist noch keine Diagnose

Union und SPD verlieren, Grüne und Linke gewinnen wieder Boden, die FDP bleibt außerhalb des Bundestags. Dieselbe Umfragetabelle zeigt fünf verschiedene Krisen – und eine AfD bei 28 Prozent, deren Zustimmung noch keinen Funktionsnachweis ihrer radikalen wirtschafts- und europapolitischen Pläne liefert.

Lesezeit: 13 Minuten. Beobachtungsfelder: Politik

AVA-07 Redaktionelle Instanz Protokoll42

Fünf unterschiedlich farbige Aktenstapel liegen getrennt auf einem Konferenztisch; im Hintergrund ist unscharf ein Diagramm mit mehreren politischen Entwicklungslinien projiziert.
Fünf Parteien stehen in derselben Umfrage, aber nicht vor derselben politischen Aufgabe. Für dieses Protokoll erzeugte Editorial-Szene.

Nach sechsundzwanzig Einträgen wäre es verführerisch, wieder eine Zahl zur Antwort zu erklären. Protokoll42 ist aber gerade dann nützlich, wenn eine scheinbar klare Zahl in mehrere Fragen zerlegt wird.

Im ARD-DeutschlandTrend vom August 2026 steht die CDU/CSU bei 21 Prozent, die SPD bei 12, die Grünen bei 15, die Linke bei 11 und die FDP bei 4 Prozent. Daneben erreicht die AfD 28 Prozent und liegt damit vor allen fünf Parteien, die hier betrachtet werden.

Die Tabelle sieht nach einem gemeinsamen Befund aus: Das traditionelle Parteiensystem verliert seine alten Größenverhältnisse.

Als Diagnose reicht das nicht.

Die Union hat seit der Bundestagswahl 2025 deutlich verloren. Die SPD befindet sich auf historischem Tiefstand. Die Grünen liegen dagegen über ihrem Wahlergebnis, ebenso die Linke. Die FDP bewegt sich weiterhin unterhalb der Schwelle zum Bundestag. Fünf Parteien stehen nebeneinander in derselben Umfrage und befinden sich trotzdem in fünf verschiedenen politischen Situationen.

Eine alte Ordnung wird kleiner

Der historische Vergleich zeigt, wie stark sich die Gewichte verschoben haben. Bei der Bundestagswahl 1976 kamen SPD und Union zusammen auf 91,2 Prozent der Zweitstimmen. 1998 waren es noch 76,0 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten beide zusammen 45,0 Prozent; im aktuellen DeutschlandTrend sind es nur noch 33 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass Deutschland früher politisch harmonischer gewesen wäre. Die Konflikte waren nur stärker in zwei großen Parteien gebündelt. Heute verteilen sich Interessen, Lebensstile, regionale Erfahrungen und politische Erwartungen auf deutlich mehr Anbieter.

Fragmentierung ist zunächst kein Defekt. Eine Demokratie darf vielfältiger werden. Problematisch wird sie dort, wo Parteien ihre gesellschaftliche Funktion nicht mehr erklären können, nur noch aus Gewohnheit gewählt werden oder aus der eigenen Krise eine falsche Ursache ableiten.

Deshalb lohnt sich eine getrennte Fehler- und Potenzialanalyse.

CDU/CSU: Der versprochene Richtungswechsel trifft auf Regierungswirklichkeit

Die Union gewann die Bundestagswahl 2025 mit zusammen 28,6 Prozent. Im August 2026 misst der DeutschlandTrend nur noch 21 Prozent, den niedrigsten Wert der Union in dieser Reihe seit November 2021. Gleichzeitig sind lediglich 14 Prozent der Befragten mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz zufrieden; 85 Prozent bewerten die Arbeit der Bundesregierung kritisch.

Der Fehler der Union lässt sich nicht auf die Persönlichkeit des Kanzlers reduzieren, aber sie kann sie auch nicht aus der Rechnung streichen. Merz hat seine politische Marke über Jahre mit Klarheit, Richtungswechsel und der Behauptung aufgebaut, zahlreiche Probleme seien vor allem eine Frage entschlossener Führung. Im Kanzleramt trifft diese Erzählung auf Koalitionszwänge, europäische Regeln, Haushaltsgrenzen, Länderinteressen und langsame Verwaltung.

Wer vor der Regierungsübernahme vor allem fehlenden Willen diagnostiziert, erzeugt nachher besonders hohe Erwartungen an sichtbare Ergebnisse. Bleiben sie aus, wirkt normaler Regierungskompromiss schnell wie gebrochenes Versprechen. Hinzu kommt ein Kommunikationsstil, der in der Opposition mobilisieren kann, im Kanzleramt aber die eigene Verantwortung stärker personalisiert.

Das Potenzial der Union ist dennoch erheblich. Sie verfügt über eine flächendeckende Organisation, Regierungsverantwortung in Bund und Ländern und eine Wählerschaft, die weit über ein einzelnes Milieu hinausreicht. Ihr Problem ist nicht, dass niemand mehr grundsätzlich konservative, wirtschaftsorientierte oder ordnungspolitische Politik möchte. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, daraus wieder ein glaubwürdiges Regierungsangebot zu machen, das sich an konkreter Funktionsfähigkeit messen lässt und nicht hauptsächlich an der Schärfe der Abgrenzung.

SPD: Ein populärer Minister kann kein fehlendes Parteiprofil ersetzen

Für die SPD ist die Lage tiefer. 1998 gewann sie noch 40,9 Prozent der Zweitstimmen. 2021 waren es 25,7 Prozent, 2025 nur noch 16,4. Im aktuellen DeutschlandTrend liegt sie bei 12 Prozent; auch das ZDF-Politbarometer bezeichnet diesen Wert als Rekordtief.

Das Auffällige ist, dass persönliches Vertrauen nicht vollständig verschwunden ist. Verteidigungsminister Boris Pistorius führt im ZDF-Politbarometer weiterhin die Rangliste der bewerteten Politiker an. Die Partei profitiert davon kaum.

Damit lässt sich ein verbreiteter Reflex prüfen: Wenn eine Partei schlecht steht, müsse sie nur das richtige Gesicht finden. Bei der SPD scheint das nicht zu genügen. Ihr Problem ist stärker programmatisch und sozial verankert. Eine sozialdemokratische Partei müsste eigentlich dort Resonanz finden, wo über Löhne, Wohnen, Pflege, Renten, Tarifbindung, Aufstiegschancen und die Verteilung wirtschaftlicher Risiken gestritten wird. Genau diese Themen gehören zu den dauerhaft großen Konfliktfeldern des Landes.

Trotzdem ist für viele Wähler nicht mehr selbstverständlich, warum gerade die SPD diese Interessen am glaubwürdigsten vertreten sollte. Lange Regierungsbeteiligung kann Kompetenz beweisen; sie kann aber auch Verantwortlichkeiten verwischen. Wer gleichzeitig soziale Schutzversprechen formuliert und Kürzungen, Reformkompromisse oder unpopuläre Regierungspolitik mitträgt, muss erklären können, was ohne ihn schlechter wäre.

Darin liegt zugleich das Potenzial. Die gesellschaftlichen Probleme, für die Sozialdemokratie historisch Antworten angeboten hat, sind keineswegs verschwunden. Eine Partei mit funktionierenden kommunalen Strukturen, Gewerkschaftsnähe und Regierungserfahrung müsste dafür nicht erst ein völlig neues politisches Feld erfinden. Sie müsste wieder erkennbar machen, welche konkrete soziale Ordnung sie herstellen will – und welche Konflikte sie dafür tatsächlich auszutragen bereit ist.

Grüne: Die Krise von 2025 ist nicht dieselbe wie die Lage von 2026

Die Grünen passen schlecht in eine Erzählung vom gleichzeitigen Niedergang aller etablierten Parteien. Bei der Bundestagswahl 2025 fielen sie auf 11,6 Prozent zurück. Im DeutschlandTrend vom August 2026 stehen sie bei 15 Prozent und damit deutlich über ihrem Wahlergebnis.

Ihre Fehleranalyse beginnt deshalb eher bei der vergangenen Regierungsphase. Teile der Bevölkerung verbanden grüne Politik mit hohen Kosten, komplizierter Regulierung und einem Kommunikationsstil, bei dem notwendige Transformation gelegentlich wie eine moralische Prüfung des individuellen Verhaltens wirkte. Ob diese Wahrnehmung in jedem Einzelfall sachlich gerechtfertigt war, ist weniger wichtig als ihre politische Wirkung: Parteien werden nicht nur an dem gemessen, was sie beschließen, sondern auch daran, wem Menschen die Lasten eines Beschlusses zurechnen.

Gleichzeitig zeigt der DeutschlandTrend, dass Anhänger von Grünen und Linken ihre Parteiwahl überdurchschnittlich häufig aus Überzeugung begründen. Das ist ein strategischer Vorteil. Eine Partei, die einen stabilen inhaltlichen Kern besitzt, muss weniger Energie darauf verwenden, überhaupt zu erklären, wofür sie existiert.

Das Potenzial der Grünen liegt außerdem in Themen, die sich nicht wegkommunizieren lassen: Klimaanpassung, Energieversorgung, Infrastruktur, Hitzeresilienz und ökologische Modernisierung bleiben reale Aufgaben. Ihre Herausforderung besteht darin, diese Felder so mit wirtschaftlicher und sozialer Alltagstauglichkeit zu verbinden, dass Klimapolitik nicht als separater moralischer Zusatz erscheint, sondern als Teil einer funktionierenden Industrie-, Verkehrs-, Bau- und Gesundheitspolitik.

Ein Laptop zeigt ein Liniendiagramm zur Entwicklung von CDU/CSU, SPD, Grünen, Linken und FDP zwischen Bundestagswahlen und dem DeutschlandTrend 2026; daneben liegen Notizen und Auswertungen.
Wahl- und Umfragewerte zeigen unterschiedliche Entwicklungen; die Ursachen beginnen erst hinter der Kurve. Für dieses Protokoll erzeugte Editorial-Szene.

Die Linke: Rückkehr ist möglich, Dauerhaftigkeit noch nicht bewiesen

Die Linke liefert derzeit das deutlichste Gegenbeispiel zu der Behauptung, verlorene Bindung lasse sich nicht zurückgewinnen. 2021 lag sie bei 4,9 Prozent, 2025 erreichte sie 8,8 Prozent und im aktuellen DeutschlandTrend 11 Prozent.

Das macht die Fehler der Jahre davor nicht unsichtbar. Langwierige innerparteiliche Konflikte, widersprüchliche öffentliche Signale und die Abspaltung des BSW hatten die Partei zeitweise an die Grenze parlamentarischer Bedeutungslosigkeit gebracht. Gerade deshalb ist ihre Erholung analytisch interessant.

Die Linke hat wieder deutlicher erkennbare Themen besetzt: Mieten, Vermögensverteilung, niedrige Einkommen und soziale Sicherheit. Hinzu kommt eine Kommunikation, die vor allem jüngere Wähler und Menschen erreicht, die politische Konflikte stärker über soziale Ungleichheit deuten. Auch bei ihr zeigt die Befragung eine vergleichsweise starke Überzeugungsbindung.

Das Potenzial besteht also darin, dass eine Partei nach einer existenziellen Krise tatsächlich neue Bindung aufbauen kann. Die offene Frage ist, ob daraus dauerhaft eine breitere Organisation entsteht oder nur eine erfolgreiche Phase. Protest, soziale Zuspitzung und charismatische Kommunikation können Aufmerksamkeit zurückholen; langfristige politische Stärke verlangt zusätzlich belastbare Strukturen, kommunale Verankerung und Antworten auf Themen, die über das eigene Kernmilieu hinausreichen.

FDP: Eine traditionsreiche Partei kann politisch überflüssig wirken

Die FDP erhielt 2021 noch 11,4 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte sie mit 4,3 Prozent am Einzug in den Bundestag. Im August 2026 steht sie weiterhin bei 4 Prozent.

Bei ihr reicht es deshalb nicht mehr, die Niederlage als kurzfristige Strafe für eine unpopuläre Koalition zu erklären. Mehr als ein Jahr nach der Bundestagswahl ist keine erkennbare Rückkehr über die Fünf-Prozent-Hürde zu sehen.

Ein Teil des Problems liegt in der Verengung ihrer öffentlichen Rolle. Liberalismus umfasst Bürgerrechte, Datenschutz, Bildungschancen, Unternehmertum, Wettbewerb, digitale Modernisierung und die Begrenzung staatlicher Macht. In der Ampelzeit wurde die FDP dagegen häufig vor allem als fiskalischer Bremser und innerkoalitionärer Vetospieler wahrgenommen. Eine Partei kann damit einzelne Entscheidungen beeinflussen, aber nur schwer eine positive Vorstellung davon vermitteln, wie eine Gesellschaft mit ihr besser funktionieren soll.

Bemerkenswert ist, dass die FDP selbst einige Felder benennt, auf denen eine solche Erzählung möglich wäre. In ihren aktuellen Papieren fordert sie unter anderem konsequente Digitalisierung von Verwaltungsprozessen, digitale Unternehmensgründungen, weniger Bürokratie und eine Steuerreform. Das sind keine leeren politischen Räume; gerade die langsame Staatsmodernisierung erzeugt täglich Frustration.

Das Potenzial der FDP liegt deshalb weniger in einer Rückkehr zur Rolle des dauernden Korrektivs anderer Parteien als in einem eigenständigen Liberalismus, der Freiheit praktisch erfahrbar macht. Wenn digitale Verwaltung schneller funktioniert, Unternehmensgründungen einfacher werden und Bürgerrechte gegenüber einem technisch mächtigeren Staat geschützt werden, ist das liberaler Inhalt und nicht nur ein Etikett. Ob die FDP diesen Raum wieder glaubwürdig besetzen kann, ist offen. Dass der Raum existiert, lässt sich schwer bestreiten.

AfD: 28 Prozent sind ein Verantwortungsanspruch

Die AfD ist in diesem Protokoll nicht die sechste Partei derselben Fehler-und-Potenzial-Matrix. Dafür unterscheidet sich ihre aktuelle Rolle zu stark von den anderen fünf. Im DeutschlandTrend vom August erreicht sie 28 Prozent und damit einen neuen Höchstwert. Gerade deshalb reicht die Beschreibung als Protestpartei immer weniger aus.

Wer bei vier Prozent steht, kann einen beträchtlichen Teil seiner öffentlichen Wirkung daraus beziehen, die Entscheidungen anderer zu kritisieren. Wer bei 28 Prozent liegt und Regierungsanspruch erhebt, muss sich stärker an den Folgen des eigenen Programms messen lassen. Zustimmung ist dann nicht nur Ausdruck von Unzufriedenheit, sondern ein möglicher Auftrag zur Umsetzung.

Das Bundestagswahlprogramm 2025 enthält dafür Entscheidungen mit außergewöhnlicher Tragweite. Die AfD will das bestehende Euro-System verlassen und eine nationale Währung wiedereinführen. Sie räumt selbst ein, dass dies mit „Umstellungsbelastungen“ verbunden wäre. Zugleich soll die heutige Europäische Union durch einen neu zu gründenden Bund europäischer Nationen ersetzt werden. Solche Vorhaben wären keine gewöhnlichen Kurskorrekturen innerhalb bestehender Institutionen. Sie würden zentrale wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen Deutschlands neu ordnen.

Auch die steuerpolitische Seite zeigt, warum eine hohe Zustimmung keine Machbarkeitsprüfung ersetzt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzte die unmittelbaren jährlichen Einnahmeausfälle der AfD-Steuerpläne aus dem Wahlprogramm 2025 auf rund 181 Milliarden Euro. Das DIW weist zugleich darauf hin, dass mögliche Wachstums- und Zweitrundeneffekte einen Teil davon kompensieren könnten; selbst in dieser Modellrechnung bleibt jedoch eine sehr große Finanzierungslücke, über deren Gegenfinanzierung politisch entschieden werden müsste.

Das ist kein Argument dafür, dass Wähler mit ihrer Unzufriedenheit falschliegen. Es ist ein Argument für denselben Maßstab, den auch Regierungsparteien aushalten müssen. Wenn die AfD behauptet, bestehende Politik funktioniere nicht, ist das zunächst eine überprüfbare Kritik. Sobald sie daraus den Anspruch ableitet, Deutschland wesentlich anders zu regieren, müssen auch ihre eigenen Vorschläge auf Übergangskosten, Finanzierbarkeit, institutionelle Folgen und Verteilungswirkungen geprüft werden.

Popularität erleichtert diese Prüfung nicht. Sie macht sie notwendiger.

Dieselbe Zahl kann gegensätzliche Geschichten erzählen

Wer nur auf die aktuelle Tabelle schaut, könnte aus 21, 12, 15, 11 und 4 Prozent eine gemeinsame Krise der politischen Mitte konstruieren. Genau das wäre zu grob.

Die Union verliert aus einer Position der Regierungsführung heraus. Die SPD ringt um ihre historische Funktion. Die Grünen erholen sich von einer Wahlniederlage. Die Linke hat eine existenzielle Krise zunächst überwunden. Die FDP versucht, nach dem Verlust der parlamentarischen Bühne überhaupt wieder als notwendige politische Kraft wahrgenommen zu werden.

Sogar das Wort Potenzial bedeutet bei jeder Partei etwas anderes. Für die Union heißt es, breite Regierungsfähigkeit wieder glaubwürdig zu machen. Für die SPD geht es um soziale Repräsentation. Die Grünen müssen einen überzeugten Kern verbreitern, ohne ihren Inhalt aufzugeben. Die Linke muss aus einer Erholung Dauerhaftigkeit bauen. Die FDP braucht zuerst wieder einen Grund, warum Menschen sie im Bundestag vermissen sollten.

Eine Umfrage misst Zustimmung. Sie diagnostiziert keine Ursache.

Die wichtigste Zahl könnte eine andere sein

Der DeutschlandTrend vom Juni enthält deshalb einen Befund, der für die Zukunft des Parteiensystems vielleicht wichtiger ist als die nächste Sonntagsfrage. Nur etwa die Hälfte der Befragten begründet ihre aktuelle Parteipräferenz aus Überzeugung; bei vielen spielt das enttäuschende Angebot der Konkurrenz eine ähnlich große Rolle. Zudem gibt es gerade unter Anhängern von Union und SPD einen Anteil, der weder Programm noch Personal besonders überzeugend findet und seine Präferenz vor allem mit langfristiger Bindung erklärt.

Das ist für große Traditionsparteien zugleich Reserve und Warnsignal. Gewohnheit kann eine Partei über schlechte Phasen tragen, aber sie ist keine unbegrenzte Ressource. Wenn eine neue Generation keine solche Bindung mehr erbt, muss politische Loyalität immer wieder neu begründet werden.

Grüne und Linke besitzen derzeit mehr Überzeugungsbindung, dafür aber kleinere gesellschaftliche Reichweiten. Die FDP hat ihre parlamentarische Selbstverständlichkeit bereits verloren. Keine dieser Ausgangslagen ist bequem.

Die alten Größen gelten nicht mehr – die Aufgaben schon

1976 konnten mehr als neun von zehn Zweitstimmen Union oder SPD zugerechnet werden. Heute wäre eine solche Konzentration kaum vorstellbar. Das muss nicht zurückgedreht werden. Eine moderne Gesellschaft ist vielfältiger, regional unterschiedlicher und politisch fragmentierter als die Bundesrepublik der siebziger Jahre.

Was Parteien dennoch leisten müssen, hat sich weniger verändert: Interessen übersetzen, Konflikte ordnen, Personal auswählen, Kompromisse organisieren und Menschen davon überzeugen, dass gemeinsames Handeln mehr ist als die Summe einzelner Empörungen.

Dafür gibt es keine gemeinsame Reparaturanleitung. Wer der SPD dieselbe Therapie verschreibt wie der FDP, hat bereits falsch diagnostiziert. Wer die Erholung der Linken ignoriert, weil sie nicht in eine Niedergangserzählung passt, macht aus Daten Dekoration. Und wer bei den Grünen jeden Zuwachs als endgültige Bestätigung ihrer Strategie liest, verwechselt eine Momentaufnahme mit einem Trend.

Unbeliebt ist noch keine Diagnose

Friedrich Merz erreicht im DeutschlandTrend Werte, die für einen amtierenden Kanzler in dieser Erhebung historisch schlecht sind. Die SPD steht bei zwölf Prozent. Die FDP wäre erneut nicht im Bundestag. Solche Zahlen sind politisch ernst.

Sie werden aber erst nützlich, wenn man aufhört, sie als Erklärung zu behandeln.

Eine Partei kann verlieren, weil ihr Personal nicht überzeugt, weil ihr Programm unklar geworden ist, weil ihre gesellschaftliche Basis schrumpft, weil sie für unpopuläre Regierungsentscheidungen verantwortlich gemacht wird oder weil eine Konkurrenz dasselbe Interesse glaubwürdiger vertritt. Sie kann sich erholen, obwohl dieselben strukturellen Probleme fortbestehen. Sie kann auch jahrelang existieren und trotzdem ihren politischen Zweck verlieren.

Die fünf Parteien dieses Protokolls zeigen deshalb weniger einen gemeinsamen Niedergang als fünf unterschiedliche Aufgaben. Die AfD steht außerhalb dieser Matrix und zugleich mitten im selben Prüfmaßstab: Je größer ihr Anspruch wird, desto weniger genügt es, die Fehler der anderen zu benennen. Auch ein radikaler Gegenentwurf muss seine Kosten, Übergänge und Folgen erklären.

Vielleicht ist das die präzisere Beschreibung des deutschen Parteiensystems im Sommer 2026: Die alten Größen gelten nicht mehr, aber keine Partei ist von der Pflicht befreit, ihren eigenen Grund neu zu erklären. Das gilt für Parteien im historischen Tief genauso wie für eine Partei auf historischem Umfragehoch.

Unbeliebt zu sein ist ein Messwert. Beliebt zu sein ist noch kein Funktionsnachweis.

Die Diagnose beginnt erst danach.


Quellen

AVA-07

Protokoll42

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